3. bundesweiter Theater-Wettbewerb

zu Biographien der Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen

 

Kinder wie wir

Der Tagesspiegel – Nr. 24 008
Sonntag, 17. November 2019, Seite 12

Berlin

Kinder wie wir

Mit Theaterprojekten und Geschichtsarbeit halten Schüler die Erinnerung an Opfer der NS-Euthanasie wach

— Von Jutta Herms

Spielen gegen das Vergessen. Der Theaterwettbewerb „andersartig gedenken“ soll Schüler anregen, sich mit den Schicksalen von Kindern zu beschäftigen, die von den Nazis als „lebensunwert“ bezeichnet und getötet wurden. Unser Bild zeigt eine Szene aus dem Stück „Käthe“, den Siegerbeitrag des Geschwister-Scholl-Schulzentrums Bremerhaven von 2016.

Foto: promo | andersartig gedenken

Wenn bald keine Zeitzeugen mehr da sind, wie kann dann die Erinnerung an die Verbrechen der Nazis wachgehalten werden? Wie kann Vergessen verhindert werden? Diese Fragen werden derzeit häufig gestellt. Eine mögliche Antwort darauf liefern Jugendliche, die am bundesweiten Wettbewerb „andersartig gedenken on stage“ teilgenommen haben.

In von ihnen entwickelten Theaterstücken haben sich die Jugendlichen mit den NS-„Euthanasie“-Verbrechen beschäftigt, dem Massenmord an psychisch kranken und behinderten Menschen. „Wenn junge Menschen heute die Geschichten über Menschen von damals erzählen, entsteht eine Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit“, heißt es auf der Internetseite des Wettbewerb-Projektes.

Die Auszeichnungen für die besten fünf Stücke werden am kommenden Dienstagabend im Theater Thikwa in Kreuzberg (Fidicinstraße 40) vergeben.

15 Theaterstücke wurden beim Wettbewerb eingereicht – elf schulische Projekte und vier Projekte ohne schulischen Bezug. Die Jugendlichen waren aufgerufen, Biographien von Opfern der NS-„Euthanasie“ ins Zentrum eines selbst entwickelten Bühnenstücks zu stellen. Mit dieser Aufgabenstellung folgte man der Überzeugung, dass über historische Fakten und abstrakte Opferzahlen junge Menschen nur schwer zu erreichen sind.

„Über die Auseinandersetzung mit einem Einzelschicksal kann emotionale Verbindung entstehen“, sagt Projektleiterin Stana Schenck.

Die Menschen, mit denen sich die Jugendlichen beschäftigt haben, waren nach Überzeugung der Nazis „lebensunwertes Leben“, sie galten als „Ballast-Existenzen“.

Rund 300 000 von ihnen wurden zwischen 1939 und 1945 im deutschen Herrschaftsbereich unter dem Deckmantel der „Euthanasie” ermordet.

Sie wurden vergast oder starben in psychiatrischen Anstalten an Vernachlässigung, Nahrungsmittelentzug und durch überdosierte Medikamente. Sie wurden getötet von denen, die sie eigentlich beschützen sollten – von Ärzten und Pflegern.

In Berlin erinnert seit fünf Jahren ein Gedenk- und Informationsort nahe der Philharmonie an die Patientenmorde. Sein Name T4-Denkmal nimmt Bezug Auf die damals in der Tiergartenstraße 4 untergebrachte Zentrale, von der aus die Vergasung von mehreren Zehntausend psychisch Kranken und Behinderten in eigens eingerichteten Tötungsanstalten gesteuert wurde.

Der dem Gedenkort zugehörige Förderkreis Gedenkort T4 e.V. ist Träger des Theaterwettbewerbs „andersartig gedenken“, der vor drei Jahren schon einmal in dieser Form ausgetragen wurde. Der Titel setzt sich zusammen aus den Worten „anders“ und „Art“ erklärt Stana Schenck. ,,Wir möchten die junge Generation anregen, neue, eigene Formen der Erinnerung zu finden.“

Der einzige Wettbewerbsbeitrag aus Berlin ist die Performance „Moving Sculptures“, die Schülerinnen und Schüler der 7. bis 10. Klasse der Carl-Bosch-Schule, einer Integrierten Sekundarschule in Reinickendorf, gemeinsam mit der Künstlerin Karen Scheper erarbeitet haben. In ihrem Stück, das zwar keinen Preis erhält, aber mit einer besonderen Anerkennung bedacht wird, setzen sich die Kinder und Jugendlichen mit den „Euthanasie“-Morden auseinander, die Ärzte und Pfleger zwischen 1942 und 1945 in der damaligen Kinderklinik Wiesengrund an ihren jungen Patienten begingen. Am historischen Ort, nur wenige Kilometer von ihrer Schule entfernt, gibt es heute eine Geschichtswerkstatt, in der die Schüler mit Unterstützung der Künstlerin Biografien, das Schicksal der getöteten Kinder und die Hintergründe ihrer Ermordung erforschten.

 

„44 Schüler arbeiteten eineinhalb Jahre lang an dem Projekt mit“, erzählt Karen Scheper. Dreimal wurde das Stück im Jahr 2018 aufgeführt.

Die beiden Gebäude der ehemaligen „Städtischen Nervenklinik für Kinder“ Wiesengrund gehörten während der NS-Zeit zu den Wittenauer Heilstätten, der späteren Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, die bis heute als „Bonnies Ranch“ im Berliner Volksmund bekannt ist. Im Untergeschoss eines der Gebäude der ehemaligen Wiesengrundklinik befindet sich die Geschichtswerkstatt samt einer kleinen Ausstellung zu den in den Häusern verübten Verbrechen.

Hierhin, in die mit der irreführenden Bezeichnung „Kinderfachabteilung“ benannte Klinik, wurden Kinder überwiesen. die als geistig oder körperlich so stark behindert eingestuft worden waren, dass sie von den Nationalsozialisten zu einer „Gefahr für den deutschen Volkskörper“ erklärt wurden. Viele der zum Teil erst wenige Monate alten Kinder waren unehelich geboren und zuvor in Kinderheimen untergebracht.

Im Wiesengrund führte man medizinische Experimente an ihnen durch, infizierte sie etwa mit Tuberkuloseerregern. Uber 80 von ihnen starben an diesen Versuchen sowie an Nahrungsentzug und Übermedikation.

Noch nach ihrem Tod missbrauchten Pathologen ihre Körper für Experimente.

„Wir müssen diesen Ort noch viel bekannter machen“, sagt Karen Scheper.

Die Künstlerin, die seit Jahren in der Geschichtswerkstatt Projekte mit Schülern betreut, hat in Kooperation mit dem Museum Reinickendorf im vergangenen Jahr ein weiteres Projekt, „Mein liebes Kind“, ins Leben gerufen: Schulklassen übernehmen die Patenschaft für ein im Wiesengrund ermordetes Kind – und setzen sich mit dessen Schicksal auseinander. Sieben Schulen beteiligen sich bereits, weitere sind willkommen.

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