4. bundesweiter Theater-Wettbewerb

zu Biographien von Opfern der NS-"Euthanasie"-Verbrechen

Logo andersartig gedenken on stage mit Einsendefrist Januar 2023

 

Preisverleihung am 23. Juni 2026 im Theater Pfefferberg Berlin

 

zu den Einreichungen Schul- und Jugendtheater

 

zu den Einreichungen Inklusive Erwachsenen-Theater

 

 

In der Kategorie "Inklusive Erwachsenen-Theater" erreichten uns insgesamt 7 Wettbewerbsbeiträge. Wir listen sie in der Reihenfolge, wie sie bei uns zeitlich ankamen. Die Kurzbeschreibungen entnahmen wir den Texten aus den Teilnahmeformularen. Die Bilderrechte liegen bei den jeweiligen Theatergruppen.

 

#nutzlose Esser / bhz Stuttgart

Das Ensemble von bhz Stuttgart entwickelte das Theaterstück gemeinsam, wodurch Betroffene selbst zu Erzähler*innen werden und das Geschehen aktiv gestalten. Sie übernehmen Rollen von Täter*innen und Opfern. Grundlage sind recherchierte Gerichtsakten, die historische Ereignisse und Figuren sichtbar machen – darunter Widerstand, Mitläufertum und das erschreckende Weiterwirken ehemaliger Verantwortlicher. Ergänzend entstanden zeitgenössische Szenen, die ableistische (behinderten-feindliche) Strukturen heute hinterfragen: Fragen nach Selbstbestimmung, Pränataldiagnostik oder Hate-Speech werden aus persönlicher Perspektive verhandelt.

Das Bühnenbild bleibt bewusst reduziert – neun Hocker und eine Videoleinwand –, um die Darsteller*innen in den Mittelpunkt zu stellen. Dokumentarische Passagen wechseln mit Videos, in denen die Mitspieler*innen über ihr Leben, ihre Ängste und Träume sprechen.

Bühnenbild mit Menschen, die über die Bühne gehen. Eine Frau in einem weißen Kleid und mehrere Rollstuhlfahrer*innen.

 

Die Verschwundenen / Theater SoSH Aachen

Die Theatergruppe SoSH reist in ihrem Theaterstück "Die Verschwundenen" zu einem Gastspiel am Burgtheater Wien. Im gecharterten Bus begleitet Christiane mit ihrem „Wunschbaum“, dem Wünsche anvertraut werden. Kurz nach der Abfahrt zwingt eine Panne das Ensemble zum Halt. Die Pause wird zur Probe: Der Tourbus verwandelt sich szenisch in den „Grauen Bus“, in Verwaltungsräume der Täter*innen und in Orte des Schreckens, von denen Briefe um Rettung zeugen. Dazwischen stehen Gespräche im Heute über Geborgenheit und persönliche Erinnerungen.

Die Recherche begann mit „Stolpersteinen“ und Materialien des Centre Charlemagne, darunter Kurzbiografien in einfacher Sprache und Zeitzeugenberichte aus Hadamar. Mit Fokus auf T4 kamen Werke von Götz Aly und Ernst Klee hinzu. Das Ensemble entschied sich für eine abstrakte, heutige Erzählform statt Reinszenierung. Das Stück bleibt bewusst „unterwegs“ ohne festes Bühnenbild. Die „Bühne“ befindet ich in der Mitte des Raumes, das Publikum sitzt im Karree auf der gleichen Ebene um das Geschehen herum.

Szenenbild: drei Menschen sitzen hintereinander, wie im Bus.

 

Leube - eine Frage des Gewissens/ Zfp Kliniken Bad Schussenried

Im Jahr 2025 widmet sich die Theatergruppe (bestehend aus Patient*innen und Personal) der ZfP Kliniken in Bad Schussenried der Geschichte von Pfarrer Karl Leube, evangelischer Seelsorger der Heilanstalt Schussenried. 1940 erlebt er, wie Patienten mit den „Grauen Bussen“ nach Grafeneck deportiert und ermordet werden. Karl Leube begegnet in seinem Alltag in der Heilanstalt Schussenried, Schwester, Chefarzt aber auch seinen Freund Bischof Wurm. Diese Gespräche und Begegnungen sind die Geschichte, wie er sich entschließt einen kritischen Brief zu schreiben und diesen an die Leitungen des Regimes zu schicken. Das Theaterstück besteht aus mehreren Szenen mit Pfarrer Leube. Aber auch einem Monolog eines Patienten, der in die Tötungsanstalt verlegt werden soll; das Gespräch zweier Schwestern, in dem eine die Aktion T4 verteidigt und dem Abtransport in Grauen Bussen.

Drei Menschen auf der Bühne. Sie tragen Masken.

 

Arsch macht mobil/ Lebenshilfe Lüneburg-Harburg

Das Theaterstück "Arsch macht mobil" ist eine Dystopie: Die Mitglieder des Habitats 0024 zeigen ihren persönlichen Marstraum. Es sind atemberaubende Bilder vom Fliegen, von einer funktionierenden Gemeinschaft, von Marsbeeren, von Ballett und Kunst. Auf einen Schlag sind alle Träume zerstört, die Gruppe ist aufgefordert in einem Tribunal auszuwählen, wer lebenswert und marstauglich ist. Wer darf mit auf den Mars und überlebt? Selektionskriterien der Nazis und aktueller wirtschaftslibertärer Vordenker prasseln auf die diverse Gruppe von Menschen mit und ohne Behinderung ein. Die Mitglieder des Habitats geraten in eine Spirale von Denunziation, Verzweiflung und Vereinzelung.

Was könnte sie zusammenführen? Lohnt es sich eine gemeinsame Vision zu entwickeln? Die Protagonisten schaffen ein mutmachendes ausdrucksstarkes Ende. Das Theaterstück ist in Kooperation mit der Gedenkstätte Lüneburg entstanden.

Szenenbild: eine blau angeleuchtete Gruppe von Menschen in weißen Overalls folgt einer anführenden Person.

 

Gegen das Vergessen - Zerborstene Leben / Lebenshilfe Waldeck-Frankenberg

Die Handlung des Stückes basiert auf den eigenen Lebensgeschichten der Mitglieder der inklusiven Theatergruppe und den Biografien von Januscz Korczak, polnischer Arzt und Pädagoge, er kam 1943 im Vernichtungslager Treblinka gemeinsam mit seinen 200 betreuten Waisenkindern ums Leben. Um Anne Frank die sich als Jüdin verstecken musste, sie starb 1945 im Vernichtungslager in Bergen-Belsen. Um Mathilde K. eine einfache Frau aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg in Hessen, die1943 in der psychiatrischen Heilanstalt in Hadamar in Hessen umgebracht wurde. Und um die Schriftstellerin Mascha Kalèko.

Die Gruppe führt gemeinsam durch die Geschichten. Tanz-Szenen und Körpersprache sind Teil der Bühnensprache.

Eine Person bewegt sanft die Hande und steht vor der Gruppe. Diese ist verschwommen im Hintergrund zu sehen.

 

Das Recht auf Glück/ Heilpädagogisches Zentrum Krefeld

„Das Recht auf Glück“ erzählt über ein Familientreffen an einer Festtafel in der heutigen Zeit. Die Darsteller*innen sprechen durch Klapp-Maul-Puppen.

Das Theaterstück haben sie mit dem Heilpädagogischen Zentrum Krefeld, Kreis Viersen, entwickelt. Ein junger Mann, der im Rollstuhl sitzt, lädt seine ganze Familie zur Verkündung seiner Hochzeit ein. Die Verlobte hat das Down-Syndrom. Innerhalb der Verwandtschaft stößt die Ankündigung auf gemischte Reaktionen. Die meisten freuen sich, wäre da nicht Opa Heinrich, der darauf hinweist, dass es „so etwas zu seiner Zeit nicht gegeben hätte“. Innerhalb der Familie entsteht eine heftige Diskussion, in deren Verlauf die Oma von der Abholung ihrer Schwester durch die Nazis berichtet. Ihre Schwester, die Epileptikerin war, hat sie nie wieder gesehen. Die Schwägerin betont, dass es auch heute wieder unschöne Tendenzen in der Politik und auf der Straße gäbe. Die Sorge, dass beeinträchtigte Menschen wieder benachteiligt, ausgegrenzt und schlimmstenfalls wieder für „unwert“ betrachtet werden, ist groß. Der Opa ist nur schwer zu überzeugen. Er wird stiller und die Familie lässt sich ihre Vorfreude nicht nehmen. Es ist die Verlobte, die schließlich eine Brücke in die Zukunft schlägt.

Zwei Klappmaulpuppen.

 

Ein Platz im Gedächtnis/ Theater und Orchester Heidelberg

Das Grundsetting ist das fiktive Amt für Erinnerung der Stadt Heidelberg. Hier werden Erinnerungen archiviert, kontextualisiert und wiederaufgelebt, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Das Publikum betritt den Saal, zieht eine Wartenummer und erlebt den alltäglichen Betrieb des Amtes.  Eine Wartenummer wird aufgerufen, und ein Bürger gibt eine auf dem Dachboden gefundene Postkarte aus den 1930er-Jahren ab.  In der Kiste befinden sich Akten zu Eugenik, Medizinverbrechen während der NS-Zeit und der sogenannten „Euthanasie“.  Weitere Akten berichten von Heidelberger Bürgerinnen, die Opfer der Aktion T4 wurden. Die Beamtinnen erkennen, dass diese Leben in den Archiven nur fragmentarisch existieren. Sie beschließen, die Akten weiterzudenken und die Erinnerung zu füllen.

Alle im Stück verhandelten Biografien beziehen sich auf reale historische Personen. Grundlage der künstlerischen Arbeit bilden originale Akten und Dokumente aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg, Standort Karlsruhe, sowie biografische Recherchen, die zu großen Teilen in Zusammenarbeit mit der Stolperstein-Initiative Heidelberg entstanden sind.

Bühnenszene in einem Archiv. Drei Menschen unterhalten sich..