4. bundesweiter Theater-Wettbewerb
zu Biographien von Opfern der NS-"Euthanasie"-Verbrechen

Preisverleihung am 23. Juni 2026 im Theater Pfefferberg Berlin
zu den Einreichungen Schul- und Jugendtheater
zu den Einreichungen Inklusive Erwachsenen-Theater
In diesem 4. Jahrgang des Wettbewerbs erreichten uns 9 Einsendungen aus dem Bereich Schule und Jugendtheater. Wir listen sie in der zeitlichen Reihenfolge der Einreichung. Die Texte stammen aus den Teilnahmeformularen. Die Bilderrechte liegen bei den jeweiligen Gruppen.
Ich war ja da! - Stadtteilschule Bergedorf Hamburg
|
Das Theaterstück „Ich war ja da“ handelt von den NS-„Euthanasie“-Verbrechen im Kinderkrankenhaus Hamburg-Rothenburgsort. Im Mittelpunkt steht die fiktive Ärztin Erika Hartmann. Nach dem Krieg wird gegen sie ermittelt, weil sie am Tod vieler Kinder beteiligt war. Ein geheimnisvoller Gutachter führt sie zu einer inneren Reise in ihre Vergangenheit. In Rückblenden sieht man ihr Leben: eine strenge Kindheit, ihr Wunsch nach Anerkennung und ihre Arbeit als Ärztin im Nationalsozialismus. |
Das Stück zeigt, wie die Verbrechen abliefen: durch Bürokratie, beschönigende Sprache und die Tötung der Kinder mit Medikamenten. Auch die Opfer und ihre Familien kommen zu Wort, zum Beispiel durch Lieder und symbolische Szenen. In einer Gerichtsszene hört Hartmann die Stimmen der ermordeten Kinder. Am Ende bricht sie zusammen. Das Stück stellt Fragen nach Schuld, Verantwortung und Erinnerung.

Frauen der Unterwelt/ Bertolt-Brecht-Gymnasium Brandenburg an der Havel
Johanna arbeitet bei ihrem Onkel als leitende Prokuristin in seinem Unternehmen für Landmaschinen. Sie bekommt zwei Kinder, lebt jedoch in wilder Ehe. Nach der Trennung verändert sie sich und kommt in eine Anstalt. Sie wird zwangssterilisiert. Ihre Diagnose lautet Schizophrenie. Sie wird in einer „Heilanstalt“ ermordet. Die historische Beratung übernahm die Gedenkstätte für die Opfer der "Euthanasie"- Morde Brandenburg an der Havel. |

STIMMEN/ Theaterwerkstatt Blickwechsel Haar
|
Die Performance STIMMEN wurde im Andenken an die Opfer der „Euthanasie“-Verbrechen am Schulort Haar (ein Vorort von München) konzipiert. Etwa 30 beteiligte Jugendliche, Studierende und junge Erwachsene im Alter von 12 bis 26 Jahren entwickelten die Aufführung gemeinsam. Sie hatte am 7. Februar 2024 im Pathos-Theater in München Premiere (drei Vorstellungen). Die Aufführung findet in einem mit den Zuschauenden geteilten gemeinsamen Raum statt. Dabei werden die Besucher*innen auch bewegt und umgesetzt. Es gibt zwar eine gelegentlich genutzte kleine Bühne, meist wird aber direkt zwischen den Besucher*innen agiert. Das Buch Verdrängt – Die Erinnerung an die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde ist die Hauptquelle der Recherchen. Hinzu kamen noch zwei Exkursionen in die Gedenkstätte Schloss Hartheim und weiteres Material, insbesondere aber individuelle Erfahrungen der Mitwirkenden. |

Ausradiert/ Stellwerk Weimar
|
"Ausradiert" ist Teil des Projekts "Beredtes Schweigen", das in Zusammenarbeit mit der Universität Jena und dem Lernort Weimar. In Zusammenarbeit mit der Künstlerin Anke Zapf, die mit Live-Illustrationen die Szenen begleitet und so einen wichtigen ästhetischen Baustein bildet. Gemeinsam mit dem Theaterkollektiv projekt-il begaben sich sechs junge Menschen in einen Stückentwicklungsprozess zu diesem Thema, in dem sie sich mit den Biografien und Täterorten vor Ort auseinandersetzten, einen Bezug zur Gegenwart herstellten und über ihre Gedanken, Haltungen und persönlichen Erfahrungen austauschten. Ergänzend dazu wurden Choreografien entwickelt, um sich dem Thema nochmal auf eine körperliche und emotionalere Weise anzunähern. |

Die Wahrheit über Familie Becker/ IGS Betzdorf-Kirchen
|
Eingebettet in auf die heutige Zeit bezogene Fragen um Nachdenken, folgt das Theaterstück biografischen Elementen, die in exemplarischen Szenen die Geschichte der Geschwister Johann, Paula und Luise Becker erzählen. Die Geschwister galten als „geistig beeinträchtigt“. Während Paula und Luise Becker in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet wurden, überlebt ihr Bruder Johann das NS-Regime, wenn auch zwangssterilisiert. Johann erzählt das Stück in Rückblicken. Immer wieder gibt es Anknüpfungspunkte an heute, die er ebenfalls kommentiert. Die Handlung führt bis zur juristischen Aufarbeitung der Verbrechen in Hadamar und zeigt auch die Grenzen dieser Aufarbeitung. Eines wird im Stück immer wieder deutlich gemacht: Es darf nie wieder so weit kommen, dass Menschen willkürlich ausgegrenzt und ermordet werden. In Zeiten, in denen konservative Thinktanks die Abschaffung von Unterstützungsmaßnahmen zur Teilhabe von beeinträchtigten Menschen als Möglichkeit für Einsparungen in Betracht ziehen ist diese Botschaft umso wichtiger geworden. |

Wir anders/ Gymnasium Kronshagen und Betreuungsstätte Ottendorf
Die Inszenierung vermeidet realistische Nacherzählungen und setzt stattdessen auf eine ästhetisch reduzierte Form: Physical Theatre, chorische Kompositionen, Standbilder, bewusste Pausen und Sprachräume. |

Gnadenlos/ Christoph-Probst-Gymnasium Gilching
|

Stolperstühle/ Landgraf-Ludwig-Gymnasium Gießen
|
Die Szenencollage Stolperstühle erzählt in fragmentarischer, chorischer Form von Ausgrenzung, Gewalt und Widerstand – damals wie heute. Im Prolog bewegen die Spieler*innen Stühle durch den Raum und erschaffen Bilder von Erinnerung, Barrieren und Hoffnung. Die Stühle stehen für Menschen, für Leben, für Geschichten. Einführend wird der Begriff „Euthanasie“ erklärt und entlarvt: Aus scheinbar humanen Worten wird tödliche Ideologie. Hinzu treten die Klient*innen der Lebenshilfe, die in Videobeiträgen von ihrem Alltag, ihren Wünschen und ihrer Vorstellung von einem lebenswerten Leben sprechen. Ihre Worte stehen für Würde, Lebensfreude und das Recht auf Teilhabe. Eine Szene um einen Versicherungsantrag macht subtile Ausgrenzung sichtbar. Schließlich werden aktuelle politische Zitate hörbar, die erneut abwerten. Der Chor widerspricht. Am Ende steht das gemeinsame Bekenntnis: Kein Mensch ist Ballast. Kein Leben ist unwert. Die Stühle bleiben als Mahnung. |

LEBEN(S)WERT/ Robert-Schuman-Gymnasium Saarlouis
Der Abend beginnt mit Störklängen. Das Bildmotiv des Busses ist in unserem Stück zentral. Die Chorpassage „Der graue Bus“ und die rhythmische Struktur greifen das historische Symbol der anonymen grauen Transporter auf, mit denen Patientinnen und Patienten unsichtbar gemacht, abtransportiert und ermordet wurden. In unserer szenischen Anlage ist die Busfahrt zugleich historisch und gegenwärtig: O Töne der aktuellen Fahrt unserer Lerngruppe zur Gedenkstätte Hadamar verschränken sich mit den Stimmen der Opfer und dem chorischen Sprechen. Gegenwartswahrnehmungen („Aus dem Fenster sehen…Schweigen…“) werden mit Kästners „Stimmen aus dem Massengrab“ überblendet. Die Folie ist unser zentrales Requisit und Symbol – Als Bühnenbild offenbart sie die Namen der 1.343 saarländischen Opfer, als Requisit schützt, isoliert und verhüllt sie die Spieler gleichermaßen. Konturen verschwimmen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überlagern sich. |
