4. bundesweiter Theater-Wettbewerb

zu Biographien von Opfern der NS-"Euthanasie"-Verbrechen

Logo andersartig gedenken on stage mit Einsendefrist Januar 2023

 

Preisverleihung am 23. Juni 2026 im Theater Pfefferberg Berlin

 

zu den Einreichungen Schul- und Jugendtheater

 

zu den Einreichungen Inklusive Erwachsenen-Theater

 

In diesem 4. Jahrgang des Wettbewerbs erreichten uns 9 Einsendungen aus dem Bereich Schule und Jugendtheater. Wir listen sie in der zeitlichen Reihenfolge der Einreichung. Die Texte stammen aus den Teilnahmeformularen. Die Bilderrechte liegen bei den jeweiligen Gruppen.

 

Ich war ja da! - Stadtteilschule Bergedorf Hamburg

Das Theaterstück „Ich war ja da“ handelt von den NS-„Euthanasie“-Verbrechen im Kinderkrankenhaus Hamburg-Rothenburgsort. Im Mittelpunkt steht die fiktive Ärztin Erika Hartmann. Nach dem Krieg wird gegen sie ermittelt, weil sie am Tod vieler Kinder beteiligt war. Ein geheimnisvoller Gutachter führt sie zu einer inneren Reise in ihre Vergangenheit. In Rückblenden sieht man ihr Leben: eine strenge Kindheit, ihr Wunsch nach Anerkennung und ihre Arbeit als Ärztin im Nationalsozialismus.

Das Stück zeigt, wie die Verbrechen abliefen: durch Bürokratie, beschönigende Sprache und die Tötung der Kinder mit Medikamenten. Auch die Opfer und ihre Familien kommen zu Wort, zum Beispiel durch Lieder und symbolische Szenen. In einer Gerichtsszene hört Hartmann die Stimmen der ermordeten Kinder. Am Ende bricht sie zusammen. Das Stück stellt Fragen nach Schuld, Verantwortung und Erinnerung.

Zwei Mädchen auf der Bühne. Eines trägt ein rotes Kleid. Das andere schaut ernst ins Publikum und trägt eine Krawatte und ein weißes Hemd..

 

Frauen der Unterwelt/ Bertolt-Brecht-Gymnasium Brandenburg an der Havel

In dem Stück „Frauen der Unterwelt“ von Tine Rahel Völcker geht es um sieben Frauen, die im Zuge der „Euthanasie“ in Pirna-Sonnenstein ermordet wurden. Der Kurs hat den Prolog, drei (der sieben) ausgewählte Akte und den Epilog inszeniert. Die wichtigsten Szenen werden von allen 12 Darstellerinnen im Chor gesprochen.  Der erste Akt beschäftigt sich mit Ann Esser, geboren 1889, Korrespondentin beim Hamburger Fremdenblatt. Sie wird entlassen, will keine Kinder und lebt in einer lesbischen Beziehung, was ihr nachteilig ausgelegt wird. Die Arbeitslosigkeit „bringt sie“ im wahrsten Sinne des Wortes „um den Verstand“. Es wird Schizophrenie diagnostiziert. Lina, Tochter armer Bauern, verliebt sich in einen reichen Bauernsohn. Ihre Eltern wollen sie mit aller Macht von dieser aussichtslosen Liebesbeziehung abhalten. Kurz vor Weihnachten wird sie in die Heilanstalt eingeliefert. Sie wird zwangssterilisiert.

Johanna arbeitet bei ihrem Onkel als leitende Prokuristin in seinem Unternehmen für Landmaschinen. Sie bekommt zwei Kinder, lebt jedoch in wilder Ehe. Nach der Trennung verändert sie sich und kommt in eine Anstalt. Sie wird zwangssterilisiert. Ihre Diagnose lautet Schizophrenie. Sie wird in einer „Heilanstalt“ ermordet.

Die historische Beratung übernahm die Gedenkstätte für die Opfer der "Euthanasie"- Morde Brandenburg an der Havel.

Eine Gruppe von Frauen in weißen Hemden steht vor einer Projektion von Winterwald.

 

STIMMEN/ Theaterwerkstatt Blickwechsel Haar

Die Performance STIMMEN wurde im Andenken an die Opfer der „Euthanasie“-Verbrechen am Schulort Haar (ein Vorort von München) konzipiert. Etwa 30 beteiligte Jugendliche, Studierende und junge Erwachsene im Alter von 12 bis 26 Jahren entwickelten die Aufführung gemeinsam. Sie hatte am 7. Februar 2024 im Pathos-Theater in München Premiere (drei Vorstellungen).

Die Aufführung findet in einem mit den Zuschauenden geteilten gemeinsamen Raum statt. Dabei werden die Besucher*innen auch bewegt und umgesetzt. Es gibt zwar eine gelegentlich genutzte kleine Bühne, meist wird aber direkt zwischen den Besucher*innen agiert.  Das Buch Verdrängt – Die Erinnerung an die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde ist die Hauptquelle der Recherchen. Hinzu kamen noch zwei Exkursionen in die Gedenkstätte Schloss Hartheim und weiteres Material, insbesondere aber individuelle Erfahrungen der Mitwirkenden.

Eine Gruppe jungen Menschen im blauen Bühnenlicht halten sich die Augen zu.

 

Ausradiert/ Stellwerk Weimar

"Ausradiert" ist Teil des Projekts "Beredtes Schweigen", das in Zusammenarbeit mit der Universität Jena und dem Lernort Weimar.  ​ In Zusammenarbeit mit der Künstlerin Anke Zapf, die mit Live-Illustrationen die Szenen begleitet und so einen wichtigen ästhetischen Baustein bildet. Gemeinsam mit dem Theaterkollektiv projekt-il begaben sich sechs junge Menschen in einen Stückentwicklungsprozess zu diesem Thema, in dem sie sich mit den Biografien und Täterorten vor Ort auseinandersetzten, einen Bezug zur Gegenwart herstellten und über ihre Gedanken, Haltungen und persönlichen Erfahrungen austauschten. Ergänzend dazu wurden Choreografien entwickelt, um sich dem Thema nochmal auf eine körperliche und emotionalere Weise anzunähern.

Eine Gruppe von sechs jungen Menschen in sandfarbener Kleidung,stehen auf der Bühne. Im Hintergrund ist eine Projektion einer Grafik Novel eingeleuchtet.

 

Die Wahrheit über Familie Becker/ IGS Betzdorf-Kirchen

Eingebettet in auf die heutige Zeit bezogene Fragen um Nachdenken, folgt das Theaterstück biografischen Elementen, die in exemplarischen Szenen die Geschichte der Geschwister Johann, Paula und Luise Becker erzählen. Die Geschwister galten als „geistig beeinträchtigt“. Während Paula und Luise Becker in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet wurden, überlebt ihr Bruder Johann das NS-Regime, wenn auch zwangssterilisiert. Johann erzählt das Stück in Rückblicken. Immer wieder gibt es Anknüpfungspunkte an heute, die er ebenfalls kommentiert. Die Handlung führt bis zur juristischen Aufarbeitung der Verbrechen in Hadamar und zeigt auch die Grenzen dieser Aufarbeitung.

Eines wird im Stück immer wieder deutlich gemacht: Es darf nie wieder so weit kommen, dass Menschen willkürlich ausgegrenzt und ermordet werden. In Zeiten, in denen konservative Thinktanks die Abschaffung von Unterstützungsmaßnahmen zur Teilhabe von beeinträchtigten Menschen als Möglichkeit für Einsparungen in Betracht ziehen ist diese Botschaft umso wichtiger geworden.

EIne junge Person steht auf der Bühne und ließt aus einem Dokument. Zwei Menschen sitzen am Tisch. Eine hat einen Arztkittel an.

 

Wir anders/ Gymnasium Kronshagen und Betreuungsstätte Ottendorf

Das Theaterstück „Wir anders“ ist eine dokumentarisch-szenische Auseinandersetzung mit der Biografie von Jochen Möller, der als Kind Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen wurde. Ausgangspunkt der Inszenierung ist die Begegnung der Schülerinnen und Schüler mit dem Zeitzeugen selbst sowie die Beschäftigung mit historischen Dokumenten und Originaltonaufnahmen seiner Stimme. Das Stück erzählt nicht chronologisch oder biografisch nach.

Originale Audioaufnahmen von Jochen Möller bilden eine dokumentarische Erzählebene, auf die die Jugendlichen mit körperlichen Bildern, chorischen Bewegungen und reduzierten Spielszenen reagieren. Die Schülerinnen und Schüler entwickelten eigene Szenen zu heutigen Formen von Ausgrenzung und Normierung, unter anderem zu Asylpolitik, sexueller Identität sowie zu Gruppendruck und dem Wunsch, dazuzugehören.

Die Inszenierung vermeidet realistische Nacherzählungen und setzt stattdessen auf eine ästhetisch reduzierte Form: Physical Theatre, chorische Kompositionen, Standbilder, bewusste Pausen und Sprachräume.

Eine inklusive Gruppe von Menschen mit und ohne Rollstühle steht auf der Bühne. Sie halten Schilder

 

Gnadenlos/ Christoph-Probst-Gymnasium Gilching

Aus dem Brief von Ingrid Storz Popp: „An Ihrem Wettbewerb andersartig gedenken on stage" möchte ich unbedingt teilnehmen, weil diese Menschen mit ihrem schrecklichen Schicksal auf keinen Fall vergessen werden dürfen! Einer davon war mein Großvater. Eines Tages fragte ich meine Großmutter, wer der Herr auf dem Foto in ihrem Wohnzimmer sei. Sie antwortete: Das ist dein Großvater!" Und dann erzählte sie mir nach und nach seine Geschichte.

Während unseres sechsjährigen Aufenthaltes in Boston, Massachusetts, ging ich mit 52 Jahren noch einmal auf die Uni und studierte Regie und Drehbuchschreiben. Es war so spannend, weil es ganz anders war als in Deutschland. Als Abschlussarbeit schrieb ich die Geschichte meines Großvaters. Es war auch ein gutes Ventil für mich, um das Entsetzen zu bekämpfen, das mich begleitet, wenn ich an diese armen Menschen denke, die im III. Reich brutal ermordet wurden. Wieder zurück in Deutschland, übersetzte ich mein Stück ins Deutsche. Zehn Jahre habe ich hier am Christoph-Probst-Gymnasium Theater als Wahlfach unterrichtet und „Gnadentod" mit meinen Schülern aufgeführt. Max Mannheimer und mein früherer Schauspiel Agent, Herr Steets, haben unsere Schulaufführungen gesehen und fanden das Stück wichtig und das es bestens funktioniert.“

 

Stolperstühle/ Landgraf-Ludwig-Gymnasium Gießen

Die Szenencollage Stolperstühle erzählt in fragmentarischer, chorischer Form von Ausgrenzung, Gewalt und Widerstand – damals wie heute. Im Prolog bewegen die Spieler*innen Stühle durch den Raum und erschaffen Bilder von Erinnerung, Barrieren und Hoffnung. Die Stühle stehen für Menschen, für Leben, für Geschichten. Einführend wird der Begriff „Euthanasie“ erklärt und entlarvt: Aus scheinbar humanen Worten wird tödliche Ideologie. Hinzu treten die Klient*innen der Lebenshilfe, die in Videobeiträgen von ihrem Alltag, ihren Wünschen und ihrer Vorstellung von einem lebenswerten Leben sprechen. Ihre Worte stehen für Würde, Lebensfreude und das Recht auf Teilhabe.

Eine Szene um einen Versicherungsantrag macht subtile Ausgrenzung sichtbar. Schließlich werden aktuelle politische Zitate hörbar, die erneut abwerten. Der Chor widerspricht. Am Ende steht das gemeinsame Bekenntnis: Kein Mensch ist Ballast. Kein Leben ist unwert. Die Stühle bleiben als Mahnung.

Ein Szenebild mit aufeinander gestapelten Stühlen.

 

LEBEN(S)WERT/ Robert-Schuman-Gymnasium Saarlouis

Die Form ist eine dokumentarische Montage mit biografischen Einschüben: O-Töne der Kursfahrt nach Hadamar und eigene Erfahrungen verschränken sich mit chorischem Sprechen, dokumentarischen Texten, Solo-Gesang, Geräuschen und Bewegungen.

Der Abend beginnt mit Störklängen. Das Bildmotiv des Busses ist in unserem Stück zentral. Die Chorpassage „Der graue Bus“ und die rhythmische Struktur greifen das historische Symbol der anonymen grauen Transporter auf, mit denen Patientinnen und Patienten unsichtbar gemacht, abtransportiert und ermordet wurden. In unserer szenischen Anlage ist die Busfahrt zugleich historisch und gegenwärtig: O Töne der aktuellen Fahrt unserer Lerngruppe zur Gedenkstätte Hadamar verschränken sich mit den Stimmen der Opfer und dem chorischen Sprechen. Gegenwartswahrnehmungen („Aus dem Fenster sehen…Schweigen…“) werden mit Kästners „Stimmen aus dem Massengrab“ überblendet. Die Folie ist unser zentrales Requisit und Symbol – Als Bühnenbild offenbart sie die Namen der 1.343 saarländischen Opfer, als Requisit schützt, isoliert und verhüllt sie die Spieler gleichermaßen. Konturen verschwimmen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überlagern sich.

Silhouetten auf der Bühne, hinter transparenten Folien.